Die Grenze zwischen Schule und Leben überwinden – Richard David Precht referiert über die Bildungsrevolution für Schule und Kindergarten

Trier – „Bildungsrevolution für Schule und Kindergarten“ – zu diesem Thema referierte am Montag, 15. September 2014, Richard David Precht, Philosoph, Publizist und Autor, in der Konstantin-Basilika in Trier vor rund 850 Gästen aus Schule und Bildung. Der Evangelische Kirchenkreis Trier hatte auch in diesem Jahr zum Neujahrsempfang zu Beginn des neuen Schuljahres eingeladen.

Bild: ekkt.de/cu

Richard David Precht in der Konstantin-Basilika Trier

Kirchenrat Dr. Stefan Drubel (EKiR)

Präsidentin Dagmar Barzen (ADD)

Am Anfang war die Google-Brille: „Ich bin mit einer sehr schönen Nachricht zu Ihnen gekommen – in diesem Jahre ist die Google-Brille erschienen“, eröffnete Precht seinen Vortrag. „In etwa fünf Jahren können Sie jedes Wort, dass ich sage, nachschlagen. Und ich gehe fest davon aus, dass Sie das dann auch tragen werden.“ Dieser Fortschritt wird kommen, ob im Guten oder im Bösen, so Precht weiter. „Und das ist das Ende der Schule, wie wir sie kennen!“
Es ginge nicht mehr um die alten Auseinandersetzungen: „Es geht nicht um die Frage G8 oder G9 – das ist alles Quatsch. Wir basteln an Kartenhäusern, während die Welt Risse bekommt“, so der Philosoph weiter. Dabei ginge es auch nicht um die Frage, ob wir die Bildungsrevolution überhaupt wollten: „Die macht Google. Die Frage ist vielmehr, wie wir die Bildungsrevolution gestalten!“
Alles Wissen dieser Welt sei dann per Wimpernschlag abrufbar, und das bedeute: „Um Wissen zu vermitteln, brauchen wir keinen Schulen“, erläuterte Precht. Eine wichtige Rolle käme den Schulen aber zu: „Ich kann zu Hause aus meinen Sohn einen Hochleistungsakrobaten machen. Und dann würde mein Sohn keimen, wie eine Kellerkartoffeln, aber er würde keine grünen Triebe bekommen“, beschrieb Precht es eindrücklich. In Schulen lerne man vieles, was zu Hause nicht vermittelbar sei, wie beispielsweise in Konfliktsituationen mit anderen klarzukommen, Teamfähigkeit, Scheitern und auch den Umgang mit peinlichen Situationen. „Was ist der Sinn von Schule? Kindern eine möglichst gute Chance auf ein erfülltes Leben zu bieten“, fasste Precht es zusammen. „Wir erleben eine enorme Verschiebung von Verfügbarkeit von Wissen“, so der Bestsellerautor, der im letzten Jahr mit seinem Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott – Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern“ für Aufsehen gesorgt hatte.
 
Schule als prägendste Zeit im Leben
Auch die Vorstellung, dass Kinder Wissen wie ein Speicher aufnähmen, sei keine sinnvolle. „Kinder haben nämlich auch eine wunderbare Delete-Funktion.“ Schule sei die prägendste Zeit im Leben – „und da werden Sie mit einem Wissen konfrontiert, von dem nachher nichts mehr übrigbleibt.“ Das Bildungsniveau steige nämlich nicht mit Pflichtanforderungen, die so gestaffelt sind, dass nichts mehr durchkäme, betonte Precht: „Bildung ist das, was sie aktiv aufgenommen und in ihrem Gedächtnis verknüpft haben und womit sie arbeiten können!“
Wie aber ließe sich die Bildungsrevolution nun konkret gestalten? „Wir würden Leute nehmen, die Ahnung haben, was in den Gehirnen von Kindern vorgeht.“ Das könnten Entwicklungspsychologen sein, aber beispielsweise auch Architekten, die überlegten, was ein geeigneter Lernort für Kinder sei. „Wie sehen unsere Schulgebäude heute aus?“ fragte Precht. „Das Vorbild dafür war die Kaserne!“ Bildungsrevolution würde nach Precht aber auch bedeuten, „dass wir in einer Schule keine Ziffernzensuren mehr haben.“ Wichtig sei bei allen Überlegungen: „Es ist nicht ein ideologischer Kampf gegen etwas, sondern ein Wohin, was könnte sinnvoll sein?“, betonte Precht. „Die Schule bewerte nicht Leistung sondern Begabung – und dafür kann ein Kind nichts. Auch Elternhäuser werden bewertet.“ Individuelle Bewertung ohne Ziffern sei die Alternative.
 
Die Google-Brille und das digitale Lernen
Weitere Punkte, an denen sich eine Bildungsrevolution anstoßen ließe, benannte Precht ebenfalls: Bis zu sechsten Klasse sei in Klassen zu unterrichten – danach individualisiertes Lernen, unterstützt durch digitales Lernen am Computer. Die Google-Brille bringe nämlich auch einige Vorteile mit sich: Das Ende des Matheunterrichtes – „ein Menschheitstraum“, so der Philosoph. Matheunterricht gehöre nicht in die Schule: „Und da kommt die gute Nachricht: Das Problem können wir digital lösen, da brauchen wir keine Menschen für.“ In bestimmten Fächern sei der Computer einfach ein Segen, wobei dennoch auch das persönliche Coaching durch den Mathelehrer eine wichtige Rolle spielen würde.
Zur Bildungsrevolution gehörten aber auch so genannte Lernhäuser – in denen die Schülerinnen und Schüler von Anfang blieben, entscheidend sei hier das Stichwort Bindungskultur, so Precht.
Und: „Ich würde die Konkurrenz innerhalb der Klasse abschaffen. Aber damit das keine Spielschule wird, würde ich diese Lernhäuser untereinander kompetitieren“, führte Precht weiter aus. „Wir leben in einer kompetitiven Gesellschaft – und wir sollten die Kompetition nicht aus der Schule herausnehmen.“
 
Kreative Freiräume für Lehrer

Dann widmete sich Precht den Lehrerinnen und Lehrern: „Lehrer arbeiten zu viel! Sie brauchen aber einen kreativen Freiraum“, betonte Precht. Und präsentierte direkt sein Modell, wie dies vermieden werden könne: „Es gibt so viele Leute, die pädagogisch geschult sind, und keine Lehrer sind. Öffnen Sie die Schulen für all die Leute, die etwas zu sagen haben. Ich will, dass diese Leute in die Schule integriert werden. Schule und Leben – dies Grenze müssen sie überwinden!“
Diese Art von Öffnung müsse hinzukriegen sein – dafür sei es auch wichtig, dass Lehrer nicht mehr verbeamtet würden. „Warum werden in Deutschland Lehrer nicht gecastet?“, warf Precht provokativ in den Raum. „Das Beste wäre, für die Schüler wie auch für die späteren Lehrer, dass man sie castet“, so Precht. „Der größte Teil meiner Lehrer waren Langweiler. Man muss ihnen aber zuhören können!“, betonte der Philosoph und sprach sich deutlich für mehr Praktiker in den Schulen aus.  In Blick auf die Kindergärten forderte Precht die Kindergartenpflicht ab drei Jahren – und damit eine Förderung von Anfang an. Wichtig sei dabei aber: „Das ist ein berühmtes Missverständnis: Wahre Kreativität braucht Freiräume. Bitte nicht alles rauspressen aus den Kindern im Kindergarten!“ Sieben Prozent eines jeden Schuljahrganges verließen die Schulen ohne irgendeinen Abschluss, fast alle davon rutschten nahtlos in Hartz IV. „Und das Hartz IV ist nichts anderes als eine Reparationszahlung für eine nicht gewährte Chancengleichheit“, untermalte Precht den Bedarf an früher Förderung.
 
Private Stiftungen als Transformatoren
„Wir aber realisieren wir das? Wir sind uns einig, dass es gar keine Rolle spielt, ob es acht oder neun Jahre Schule sind – auf das Lernen kommt es an, und dann funktioniert beides“, so Precht weiter. „Es ist auch kein Geldproblem, es ist die Frage, wie das Geld eingesetzt wird“, erläuterte er einen weiteren wichtigen Punkt in der Debatte. Private Stiftungen müssten beispielsweise eingebunden werden als Transformatoren, „dann kriegen Sie die Bildungsrevolution hin“. Entscheidend sei dabei: „Das Bildungssystem kann nur von dem verändert werden, der nicht erpressbar ist – also von den Schulen selbst“, so Precht mit Blick auf die Frage nach der Rolle der Kultusministerien.  „Es gibt nur eines, was ich von den Kultusministern will: Die Leine so lang zu lassen, dass so etwas möglich wird.“ Und abschließend fasste Precht es noch einmal zusammen: „Schopenhauer hat einmal gesagt: Jedes Problem geht bis zu seiner Anerkennung über eine Treppe – erst verlacht, dann bekämpft und danach kann man sich nicht mehr daran erinnern, dann wird es selbstverständlich. Und ich hoffe, dass wir das hinkriegen.“
 
Bildung als Entwicklung der Persönlichkeit
Kirchenrat Dr. Stefan Drubel von der Evangelischen Kirche im Rheinland warf in seinem Grußwort einen Blick auf die Bildungsrevolution aus evangelischer Sicht: „Bildung ist seit der Reformation untrennbar mit der protestantischen Identität verknüpft.“ Dem reformatorischen Grundsatz von der Freiheit eines Christenmenschen entsprechend „wird Bildung als Entwicklung der Persönlichkeit verstanden. Das Ziel ist, Menschen eine mündige Lebensführung zu ermöglichen“, so Drubel. Der Kirchenrat wies auf die besondere Rolle der Kirche bei außerschulischer Bildung hin: „Viele von uns, die hier sitzen, sind durch die gute Schule außerschulischen ehrenamtlichen Engagements gegangen, da bin ich sicher.“ Drubel sprach sich auch für nonformales Lernen aus: „Um nonformales Lernen zu ermöglichen, braucht es einen gesunden Abstand von der Schule, einen gedanklichen und einen räumlichen. Nur wirklich frei von Curricula und Leistungsbewertung lässt sich nachhaltiges außerschulisches Lernen inszenieren.“ In der evangelischen Konfirmandenarbeit aber geschehe genau dies: „Wir schaffen einladende Räume, die zu informellem Lernen motivieren. Die Konfirmandenarbeit ist ein Erfolgsmodell“, so Drubel.
Die Präsidentin der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Rheinland-Pfalz, Dagmar Barzen, stellte die aktuelle Situation in Rheinland-Pfalz vor und betonte: „Gefühlt findet die Bildungsrevolution schon jetzt jeden Tag statt“ –  dann, wenn es beispielsweise in Rheinland-Pfalz es eine Entscheidung der Schulen sei, ob sie einen G8 Abschluss wollen. „Damit sind sie auf einem besseren Weg“, so Barzen.
 
Bildungsprozesse sind wechselseitige Prozesse
Superintendent Dr. Jörg Weber betonte in seinem Grußwort die Rolle der kirchlichen Bildungsträger: „Als kirchlicher Bildungsträger in der Gesellschaft, der in Kitas, Schulen, Jugendarbeit und Erwachsenenbildung unterwegs ist, gehört für uns das öffentliche Reden über Gott dazu, das macht uns aus. Ich bin aber auch der Überzeugung, dass das Reden von Gott der Gesellschaft gut tut.“ Evangelische Kirche könne in die Diskussion um Bildung in dieser Zeit „den Bezug auf den Menschen einbringen. Damit steht der Mensch im Mittelpunkt“, so der leitende Theologe des Evangelischen Kirchenkreises Trier weiter. Es sei nach kirchlichem Verständnis gut, „sowohl den Diskus mit anderen Menschen zu führen als auch die Frage nach dem, was Gott für Menschen ist, in die Diskussion mit einzubringen. Bildungsprozesse sind immer wechselseitige Prozesse“, so Weber abschließend.

Weitere Informationen: Evangelischer Kirchenkreis Trier, Referat für Bildung, Kommunikation und Medien –  Öffentlichkeitsreferat, Pfarrerin Maike Roeber, Engelstraße 12, 54292 Trier, Telefon 0651 20900-71, Fax 0651 20900-72, oeffentlichkeitsarbeit@ekkt.net